Schusterwörth

Gegenüber Oppenheim, direkt am Rheinstrom gelegen, liegt Schusterwörth, ein Wiesen- Wald- und Forstgelände.
Im westlichen und nördlichen Bereich wird es vom Rhein begrenzt und erreicht mit seiner Nordspitze, der Marieninsel, die Gemarkung Leeheim. Alle anderen Gebiete des Schusterwörths gehören zur Gemarkung Erfelden.

Schusterwörth, eine ehemalige Insel, wird im Osten von einem alten Rheinarm begrenzt. Im Süden schließen sich das Peters- und das Karlswörth an.
Zum Peterswörth, heute ein Naturreservat, ist der Zugang über eine Altarmbrücke möglich. Der Rheinarm zum Karlswörth ist verlandet. Jetzt führt ein Fahrweg durch das frühere Strombett.
Genau wie die Ländereien des Plattenhofes (Platte) wurde auch Schusterwörth in früherer Zeit von der Stadt Oppenheim genutzt. Sie waren teilweise in der Hand Oppenheimer Bürger. Das Gebiet Schusterwörth war in den Streit um die Weiderechte der Ländereien auf der Knoblochsaue und der Platte mit einbezogen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Land von der Hessischen- Großherzoglichen Oberbaudirektion verwaltet worden. Die Ländereien der Knoblochsaue und der Platte verwaltete die Großherzoglich-Hessische Ober-Forst und Domänendirektion.

Der Flussbau, wozu auch das Dammsystem gehörte, war dem Kreisbaumeister in Groß-Gerau unterstellt. Die Aufsicht führte der damals in Leeheim stationierte Dammwärter.
Die Insel und das Rheinvorland, soweit Wiesennutzung nicht möglich war, waren in großem Maße mit Weidenanlagen bepflanzt. In die Anpflanzungen wurden auch die alten Rheinschlingen einbezogen. Fortan wurde im Sprachgebrauch der Bevölkerung nur noch von der „Pflanzung“ gesprochen.
Der Dammwärter war Strompolizei. Er hatte die Aufsicht über den Damm, über Wasserbauliche- und Regulierungsmaßnahmen und deren Durchführung, über die Nutzung der Ländereien, der Pflanzungen, über die Pflege der Pappelanlagen und über die Unterhaltung der Zufahrtswege. Sein Dienstsitz wurde 1827 von Leeheim nach Schusterwörth verlegt.
Johannes Steuernagel, der damalige Dammwärter, siedelte von Leeheim nach Schusterwörth. Sein Sohn Jakob wurde 1844 sein Nachfolger.
Die ersten Gebäude, über deren Größe und Alter nichts überliefert ist, waren inzwischen so baufällig geworden, dass sich eine Herrichtung nicht mehr lohnte. Kreisbaumeister Renner in Groß-Gerau  schlug vor, die Gebäude durch einen Neubau zu ersetzen, was auch genehmigt wurde.
Die neuen Gebäude wurden 1850/51 errichtet und von dem Dammwärter Jakob Steuernagel bezogen.
Es war ein eingeschossiges, unterkellertes Wohnhaus mit teilweise ausgebautem Dachgeschoss entstanden. Inwieweit in der ersten Zeit auch noch Stallungen im Haus untergebracht waren, ist nicht überliefert.

Es wurden weiterhin Stallungen und eine Scheune errichtet.
Die Anlage der Gebäude glich einer Flusswurt. In einer Höhe von ungefähr zwei Meter über dem Aueboden wurden die Gebäude errichtet. Gegen die Hochwasserströmung war eine Sandsteinmauerung mit einer Zugangstreppe (heute noch vorhanden) angebracht. Die Zufahrt war über eine nach Norden gelegene, aus Erde geschütteten Rampenauffahrt möglich.
Zum Schutz gegen den Eisgang des Rheines wurde eine Schutzpflanzung aus Pappeln stromaufwärts vorgenommen.
Bei Hochwasser war Schusterwörth wohl vom Wasser umgeben aber nie ganz überschwemmt worden. Seine Höhe liegt, so wird behauptet, mit der Krone des Winterdammes gleich. Auch die Stallungen waren auf gleicher Höhe angeordnet. Der Keller unter dem Wohnhaus blieb, selbst bei längerem Hochwasser, wasserfrei. Fachleute aus Italien, so wird überliefert, haben den Keller abgedichtet. Ob dies bei der Erbauung oder zu einem späteren Zeitpunkt geschehen ist. Kann nicht festgestellt werden.
Die Gebäude auf Schusterwörth erhielten fortan den gleichen Namen wie die Insel. Es war ein einsames Gehöft. Der Zugang war nur über das Wasser möglich. Vieh und Vorräte mussten über das Wasser mit einem Nachen nach Oppenheim oder Leeheim und umgekehrt gebracht werden. Es waren die nächstgelegenen Siedlungen und somit am besten erreichbar.
Im Jahre 1893 haben Pioniere über den östlichen Rheinarm, zwischen dem Schusterwörth und des in der Nähe des Kammerhofes gelegenen Gebietes, eine Brücke geschlagen. Die Brücke blieb fast 30 Jahre erhalten. 1921/23 wurde an gleicher Stelle eine Aufschüttung in den Rheinarm gebracht und mit einer kleinen Brücke eine feste Verbindung von der Insel zum Festland geschaffen.
Heute noch wird diese Brücke „Pionierbrücke“ genannt, obwohl der Bau der jetzigen Brücke nicht durch Pioniere vollzogen wurde.
Das Gelände auf Schusterwörth wurde fast vollständig von Leeheimer Einwohnern genutzt. Sie hatten die nächste Verbindung zu Schusterwörth und waren somit auch, begründet durch die wirtschaftliche Notwendigkeit der Nutzung der Ländereien, besonders mit Schusterwörth und seinen Bewohnern verbunden.
Zweischnittige Wiesen waren als Pachtlose an Landwirte aus Leeheim vergeben. Es waren Futterstücke, die alljährlich verkauft oder versteigert wurden. Für die heutige Zeit undenkbar, dass damals zur Beschaffung einer Fuhre Grünfutter eine Halbtagesreise in Kauf genommen wurde, nur um den Futterbedarf für das Vieh sicherzustellen.
Es gab auch Arbeiter auf Schusterwörth, sie waren im „Rheinbau“ beschäftigt. Sie waren ganzjährig oder teilweise nur in der Winterzeit oder bei besonderem Bedarf dort tätig. Neben den Arbeiten im Uferbau des Stromes, der Unterhaltung des Hochwasserdammes und zu Unterhaltung der dem Dienstbereich des Schusterwörth unterstellten Ländereien haben sie auch anderen Bürgern Gefälligkeitsarbeiten, selbstverständlich gegen Bezahlung, außerhalb ihrer normalen Arbeitszeit verrichtet.
Die Weidenholzschläge wurden alle fünf bis sechs Jahre in wechselnde Reihenfolge geschlagen. Das Weidenholz war ein beliebtes Heizmaterial für die Leeheimer Einwohnerschaft. Der Einschlag wurde versteigert. In der Regel haben die Steigerer auch den Schlag vorgenommen doch vielfach halfen die vorstehend erwähnten Arbeiter, die besonders als „Wellenmacher“ (Wellen = Weiden-Reisigbündel) begehrt waren.

Jede Familie hatte im Bereich der Wohnung oder des Hofes einen „Wellenschuppen“ oder einen „Wellenhaufen“ dessen Bestand in den Wintermonaten aufgebraucht wurde. Die örtlichen Bäckereien waren ebenfalls Abnehmer der Erzeugnisse der „Wellenmacher“. Sie heizten ihre Backöfen damit. Auch für Brennereien war dies ein billiges Heizmaterial.
Wer zur Insel oder zum Dammwärterhaus wollte ging af oder zum Schusterwörth. Dies wurde von der Bevölkerung und insbesondere von den Leeheimern gerne und öfters genutzt.
Bei Vielen war ein Sonntagsspaziergang zum Rhein oder nach Schusterwörth eine immer wiederkehrende Selbstverständlichkeit. War die ganze Familie daran beteiligt, wurden die Pferde eingespannt. Später bediente man sich des Fahrrades oder in jüngerer Zeit des Autos.
Die jeweiligen Amtsinhaber betrieben im Nebenerwerb eine kleine Landwirtschaft. Vier Morgen Land gehörten zum Deputat des Dammwärters, oder wie es später hieß, des Strommeisters. Weiterhin betrieben sie eine kleine Gastwirtschaft und machten somit das Anwesen zu einem beliebten Ausflugsziel für die damalige Bevölkerung.
Der Betrieb der Gastronomie war in der warmen Jahreszeit in den Hof, unmittelbar vor das Wohnhaus, verlagert. Ansonsten befand sich das Gastzimmer im Untergeschoss des Wohnhauses.
Bei den Bewirschaftern der Wiesen- und Flurstücke oder auch bei den Holzmachern und Fuhrleuten war es eine Selbstverständlichkeit bei ihren Arbeiten dort eine Verschnaufpause oder eine Vesperzeit einzulegen. Bis etwa 1960 konnte man bei Schusterwörth den Rhein mit einem Nachen oder mit einem Motorboot überqueren und von dort ganz schnell nach Oppenheim gelangen. Eine Glocke war diesseits installiert. Der auf der linken Rheinseite wohnende „Dammers Jakob“ kam mit seinem Motorboot oder dem Nachen und setzte die Fahrgäste über.
Alle Amtsinhaber auf Schusterwörth hatten einen guten Kontakt zu den Leuten im Dorf. Nach Jakob Steuernagel kam 1685 sein Sohn Johannes. Er übernahm dieses Amt in der dritten Generation der gleichen Familie.

Ihm folgte im März 1883 Peter Koch und schon im Oktober des gleichen Jahres Wendel Roos.
1889 kam Johann Schnittel. Er schied nach 26 Dienstjahren 1915 dort aus.
Sein Nachfolger Johannes Menger war von 1915 bis zu seinem Tode 1933 Strommeister auf Schusterwörth.
Auf ihn folgte im Juli 1934 Georg Kraus und 1950 Franz Bigisch. Die Schusterwörthdienststelle wurde abgewertet und 1957 bezog Adalbert Lemke die Wohnung auf Schusterwörth. Ab 1963 wurde die Verantwortlichkeit ganz von Schusterwörth genommen. Die Familie Lemke zog nach Oppenheim. Zurück blieb der Bruder von Frau Lemke, Alfons Köllinger mit seiner Mutter.
Er war als Arbeiter beim Wasser- und Schifffahrtsamt beschäftigt und betrieb bis 1984, in verkleinerter Art, die Gastwirtschaft.
Die Schusterwörthhofreite war mittlerweile von der Verwaltungsstelle des Wasser- und Schifffahrtsamtes in den Vollbesitz der Hess. Forstverwaltung gekommen.
Eine Verwertung für den forstlichen Bereich war nicht gegeben. Man betrieb die Auflösung des Mietverhältnisses mit Köllinger. Der Wille zum Erhalt des Gebäudes war, aus welchen Gründer auch immer, nicht vorhanden. Man trug sich mit dem Gedanken das gesamte Gehöft abzutragen.
Bemühungen der Gemeinde Riedstadt, der politischen Parteien und vieler Schusterwörthfreunde die Gebäude in ihrer jetzigen Art zu erhalten, setzten ein.
Sie blieben alle erfolglos.

Obwohl Schusterwörth als eine der letzten intakten Flußwurten des Rheingebietes gilt, hatten die Bemühungen auf Unterschutzstellung  als Landschafts-Bau- oder Naturdenkmal keinen Erfolg.
Alle möglichen Stellen, Kreis- und Landespolitiker, hohe Regierungsstellen hatten die Unterstützung um das Bemühen des Erhaltend zugesagt.
Viele unschöne Worte sind in der Diskussion um den Erhalt gefallen und viele Vertreter politischer Parteien konnten ihr Versprechen, welches sie vor Ort auch teilweise namens der Gesamtpartei gaben, nicht einhalten.
Die Ministerialbürokratie der eigenen Parteien hat gegebene Worte zu nichts werden lassen.
Schusterwörth ist zum Bedauern Vieler abgebrochen worden. Eine Stätte aus früherer Zeit, die vielen Generationen und vielen Zwecken diente, musste durch eine auf Landesebene gefällte Entscheidung weichen.
Die Entscheidung war keinesfalls bürgernah.
Bei der Bevölkerung verbleibt ein fader Beigeschmack mit der Befürchtung, dass auch der Zugang zur Insel und somit zum Rhein eines Tages ebenfalls verschwindet. Der Zustand der Pionierbrücke gibt allen Anlass zu der Befürchtung. Wer beschädigte oder demolierte Gegenstände nicht gleich wieder in Ordnung bringt, hat an dem Erhalt der betroffenen Anlagen kein Interesse.
Hoffen wir, dass unsere Vermutungen nicht zutreffen und ein bestimmter Bereich der Insel Schusterwörth an der jetzigen Stelle auch weiterhin zugänglich bleibt. 

Heinrich Bonn

Heimat- und Geschichtsverein Leeheim

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