Ein Dichter aus dem 17. Jahrhundert und seine bissigen Komödien liefern
so amüsante wie verblüffend aktuelle Kommentare zum Zeitgeschehen,
findet das Ensemble der Büchnerbühne. Weshalb nach dem
„Eingebildeten Kranken“ zur Gesundheitsreform nun nach der jüngsten
Finanzkrise Molières „Der Geizige“ einstudiert wird. Im August
(17.) ist Premiere in Schloss Dornberg, am Freitagabend lud die Büchnerbühne
zur zweiten öffentlichen Probe in ihre feste Spielstätte im ehemaligen
Feuerwehrhaus (Kirchstraße 16) ein.
Bei den öffentlichen Proben, die der Theaterleiter fest freitags im
Programm etablieren möchte, können die Zuschauer dabei zusehen, wie
Szenen angelegt und entwickelt werden. „Es ist für uns spannend zu
erleben, wie die ersten Reaktionen sind“, sagt Christian Suhr.
Gleichzeitig sind Anregungen und Kommentare aus dem Publikum ausdrücklich
gewünscht.
„Molière war der Erste, der die Komödie im Rang der Tragödie
gleichgestellt und der Erste, der in einer Komödie moralische Fragen
aufgeworfen hat“, erklärt Regisseur und Hauptdarsteller Christian
Suhr zur Einführung. „Geiz ist eben nicht geil, sondern Folge eines
die Umwelt tyrannisierenden Misstrauens gegen jeden.“ Harpagon ist ein
Musterbeispiel dieses von Suhr so genannten
„Dagobert-Duck-Syndroms“: Aus Geldgier will der Witwer Tochter Elise
und Sohn Cléante zwangsverheiraten, knausert in der Haushaltsführung
und hat vor allem eine Geldkassette im Garten verbuddelt, um
derentwillen er tausend Ängste aussteht und jedermann misstraut.
Den fürchterlichsten Job in so einem Haushalt hat der Koch, erläutert
Suhr. „Der arme Kerl leidet entsetzlich, weil er aus zwei rohen
Kartoffeln ein Festessen für zehn Personen zaubern soll.“ Diesen Koch
Jacques spielt Claudio Altese, „ein Rohdiamant aus unserem Jugendclub,
der gerade in Frühlings Erwachen aufgetreten ist.“ In der ersten
Szene des Abends lässt sich der Koch verführen, seinem geizigen
Dienstherren alle bösen Gerüchte über ihn zu erzählen – und
bezieht am Ende Prügel dafür.
Erst einmal wird gelesen, dann muss Claudio Altese mit dem leeren Stuhl
spielen und erst dann nimmt der Geizige wirklich Platz. In schönstem
französischen Akzent berichtet der unglückliche Koch von all den
Verleumdungen, die natürlich allesamt stimmen: Das der Geizige gegen
Nachbars Katze prozessiert habe, weil sie ihm die Hälfte einer Hühnerleber
weggefressen habe, und dass er den Pferden Hafer aus den Futtersäcken
stehle. Der französische Akzent sorgt für Irritationen: Unter lautem
Gelächter merkt eine Zuschauerin an, dass sie erst nach der dritten
Wiederholung verstanden habe, dass kein Affe gestohlen wurde. In
Feinarbeit wird nach und nach das Pathos in der Anklagerede gesteigert
und die kleine Zuschauertribüne zum Fußballstadion, das aufgewiegelt
werden soll.
Bestens aufgenommen vom Publikum wird die ausgefeilte Choreografie der nächsten
Szene: Zornig die Messer wetzend taucht Koch Jacques auf – und
erstarrt mitsamt Schneidegerät, als er die tief dekolletierte
Heiratsvermittlerin Frosine (Mélanie Linzer) erblickt. Nach einem
kurzen Blick (Regieanweisung: „nicht in die Augen!“), sollen die
Messer wieder anfangen zu arbeiten, bis Frosine und Zuschauer um die Hände
des verzückten Kochs fürchten müssen.
Bei der Büchnerbühne wird aus dem Diener LaFlèche eine bucklige,
grummelnde Dienerin mit Sprachfehler, die in unglücklicher Liebe zum
Koch entbrannt ist. Eine Paraderolle für Valerie Bolzano, die die
Heiratsvermittlerin erst mit einem knurrigen: „Na, du fette Mausch“,
begrüßt, um später herzergreifend zu winseln bei dem Stichwort
„kuppeln“. Die Schauspielerinnen haben Mühe, ernst zu bleiben, das
Probenpublikum bleibt es auf jeden Fall nicht. Am Ende der Probe gibt es
noch eine nonverbale Begebenheit: „Stellen Sie sich vor, die
Quietschente sei eine Kartoffel“, erklärt Regisseur Suhr zuvor den
Zuschauern. Koch Jacques schält erst hingebungsvoll, dann immer
panischer seine Quietschente, während Dienerin La Flèche besen- und
hinternschwingend immer nähere Kreise zieht. Da muss nichts mehr
geprobt werden, die Szene sitzt.
Im Anschluss entspinnt sich noch ein Gespräch über Kostümierung und
die Frage der Modernisierung eines Stücks. Bei der Büchnerbühne
bleibt die Komödie im 17. Jahrhundert, doch die Figuren sind zeitlos.
Christian Suhr: „Das sind alles große Kinder mit einem ausgeprägten
Kurzzeitgedächtnis, die Opfer ihrer Triebe werden.“