Ludwig Jung, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV), übte
sich in Zweckoptimismus: „Ich hoffe, dass die Zelte heute Nachmittag
auch noch Schatten spenden“, merkte er unter allgemeinem Gelächter
an. Am Morgen beim Gottesdienst zur Eröffnung des Museumsfestes mit
Begleitung von Posaunenchor und Frauenchor der evangelischen
Kirchengemeinde dagegen boten die malerischen weißen Planen im
Museumshof hochwillkommenen Schutz vor dem Dauerregen. Pfarrer Walter
Ulrich hatte den Gottesdienst zum ersten Mal bei einem Museumsfest in
Mundart gehalten. „Schee war’s“, stellte Jung danach fest, bevor
er Philipp Schäfer für 25 Jahre Mitgliedschaft im HGV ehrte.
Eigentlich sollte die gleiche Ehrung auch Hannelore Protz erhalten, die
jedoch verhindert war.
Viele Besucher nutzten anschließend die Gelegenheit, auf
Entdeckungstour durch das Museum zu gehen. In der Straße des Handwerks
wurden immer wieder mal Maschinen in der hundert Jahre alten Schreinerei
oder anderen Werkstätten angeworfen, und es entspann sich so manche
angeregte Diskussion über Kindheitserinnerungen, etwa an die von
Dampfungetümen betriebenen Dreschmaschinen früherer Zeiten. Bei der
multimedialen Schau mit präparierten Tieren aktivierten nicht nur
Kinder mit Begeisterung die Stimmen zu den entsprechenden
Ausstellungsobjekten.
Ein großes Hallo gab es immer wieder bei der neu eröffneten
Ausstellung „100 Jahre Krankenpflegestation Leeheim.“ „Ach, die
Kristina und die Ute“, freuten sich Wilhelm und Roswitha Wald.
„Kristina war sehr beliebt“, erinnerte sich Wilhelm Wald. „Sie ist
Norwegerin und ist wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.“
Aber auch Ute Reinhardt, die heute noch für die Stiftung Soziale
Gemeinschaft Riedstadt als Krankenpflegerin aktiv ist, wird in Leeheim
sehr geschätzt. „Sie hat meine Eltern und die meines Mannes gepflegt,
sie hat eine ganz tolle Art“, sagte Roswitha Wald. Die letzte in der
Reihe Leeheimer Krankenschwestern ist zugleich die erste „echte“
Leeheimerin. „Es hat mich sehr berührt, als ich bei der Vorbereitung
feststellte, dass diese Frauen viele Jahre in Leeheim waren und sich
sehr engagiert haben, obwohl sie nicht aus dem Ort kamen“, erklärte
Ludwig Jung.
Die erste Krankenpflegerin in Leeheim war Anna Fanta, vermittelt von der
evangelischen Kirchengemeinde aus dem Mutterhaus Barmen. Am 30. April
1911 wurde sie in ihr Amt eingeführt, Bäcker Ernst List stellte
unentgeltlich eine Wohnung in seinem Haus in der heutigen Hauptstraße
49 zur Verfügung. Im Dezember 1910 hatte sich ein Großteil der
Einwohnerschaft Leeheims für die Einrichtung einer Krankenpflegestation
ausgesprochen. Eine große Notwendigkeit. „Es gab zu der Zeit keinen
Hausarzt und keinerlei medizinische Versorgung“, erklärt
Ehrenvorsitzender Heinrich Bonn. Die wäre aber dringend benötigt
worden. So wütete von 1859 bis 1860 in dem Ort Nervenfieber und
Diphtherie, 1889 gab es unter den Kindern eine Keuchhustenepidemie und
nur ein Jahr später wurde Leeheim von der Influenza heimgesucht.
1935 starb Anna Fanta und im gleichen Jahr begann Margarethe Völger,
die über Jahrzehnte die Krankenpflegestation leitete und 1964
ausschied. Ehrfurchtgebietend schaut sie von ihrem Foto auf den
Betrachter herab, und so haben sie ältere Leeheimer auch in Erinnerung.
„Sie war sehr streng“, erinnert sich eine Besucherin mit einem
leichten Schaudern. „Fachlich bestimmt sehr kompetent, aber
unnahbar.“
Von ganz anderem Kaliber war da Lina Kappes, die nach zweijähriger
Vakanz 1966 die Krankenpflegestation übernahm, allerdings
krankheitsbedingt ihre Tätigkeit vorzeitig beenden musste. Nachfolgerin
wurde Rosemarie Scharack, die die Krankenpflegestation 1973 in ihrem
Wohnhaus einrichtete. 1984 übernahm Kristina Kyritz die Aufgabe in
Leeheim, angestellt wie ein Jahr später Ute Reinhardt von der Gemeinde
Riedstadt.
1990 wurden die einzelnen Krankenpflegestationen in den Ortsteilen in
die Verwaltung der Stiftung Soziale Gemeinschaft Riedstadt übergeben.
Kristina Kyritz ging in ihre Heimat zurück, Ute Reinhardt ist bis heute
bei der Stiftung angestellt.
Neben der Sonder- und den Dauerausstellungen boten am Sonntag Armin
Winter und Wolfgang Siebert Einblick in die Leeheimer Familienforschung.
Die Zelte dagegen schützten auch am Nachmittag eher vor Regen denn
Sonne. Dort ließ es sich dennoch gemütlich essen und klönen.