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LEEHEIM. Viele
Hochwasserzeiten hat das hessische Ried erlebt, mit zum Teil schlimmen Schäden.
In der Nähe Leeheims finden sich überall verschwundene, aber in Urkunden
und Karten nachgewiesene Dörfer und „ausgegangene Siedlungen“. Zur
Erinnerung an das große Hochwasser, das vor 120 Jahren über den Kreis
von Klein-Rohrheim bis Bischofsheim hereingebrochen war, organisierte der
Leeheimer Heimat- und Geschichtsverein (HGV) seinen Gemarkungsrundgang an
das damals durch. den Dammbruch entstandene Neujahrsloch vor dem
Knoblochsauwald.
Trotz Nieselregen machten sich rund 90 Teilnehmer auf den Weg, um vor Ort
vom HGV-Vorsitzenden Ludwig Jung, vom Berufsfischer Martin Tümmler und
schließlich vom Ehrenvorsitzenden Heinrich Bonn erinnert zu werden. Aus
den Niederschriften von Zeitzeugen berichtete Bonn, dass Leeheim neben unzähligen
Rheinüberflutungen schon in den Jahren 1651, 1784 und 1845 unter großen
Hochwassern zu leiden hatte. Dem schlimmsten Hochwasser zum Jahreswechsel
1882/83 sei ein nasser Sommer voraus gegangen. Im Herbst hatten die tiefer
gelegenen Äcker unter Wasser gestanden. Ende November seien Rhein, Neckar
und Main über die Ufer getreten. Die Reinschifffahrt sei frühzeitig
eingestellt worden.
Ein Dammbruch bei Nackenheim und Bodenheim habe erste Überschwemmungsschäden
gebracht. Am 27. Dezember, dem Wandertag der Knechte und Mägde, seien die
Gewässer abermals angestiegen. Tag und Nacht sei an der Erhöhung und
Befestigung der Dämme, des Landdeiches und des Ortsdammes gearbeitet
worden - vergebens.
„Der
Damm ist gebrochen! Das Wasser kommt.“
Am Morgen des Neujahrstages 1883 um 9.30 Uhr sei der Damm
an der Mordheckfahrt von unten heraus gebrochen. Die Dammkrone habe noch
gestanden. Als auch diese eingestürzt sei, habe der Bruch eine Länge von
115 Metern, eine Breite von 25 Metern und eine Tiefe von 21 Metern
erreicht. Die Dammwache sei geflohen. Der damalige Ortsdiener Jakob Härter
habe die zum Morgengottesdienst versammelte Gemeinde mit den Worten „Der
Damm ist gebrochen! Das Wasser kommt!“ alarmiert.
Unter Sturmgeläut hätten sich Leeheims Einwohner bemüht, ihre
wichtigste Habe und das Vieh in das Oberdorf zu retten. Gegen Abend des
Neujahrstages sei das Wasser bereits am Ortsdamm gestanden. Dem rasch
ansteigenden Wasser hatten die zahlreichen Helfer bald nichts mehr
entgegen zu setzen. Bereits um zwei Uhr nachts hätten acht Nachen mit 26
Schiffern, die von Nierstein zur Hilfe gerufen worden waren, in der
Klappergasse verkehrt.
Am 2. Januar hätten sich schon zehn Kähne bemüht, Mensch und Vieh in
Sicherheit zu bringen. Das Wasser sei durch einen weiteren Dammbruch bei
Astheim erneut gestiegen. Obdachlos gewordene Bürger hätten im
Rathaus, in den Schulsälen oder bei Bekannten Unterkunft gefunden. Im
ganzen Kreis Groß-Gerau wurden 16 915 von rund 32 000 Hektar der Gesamtfläche
überflutet. Leeheim zählte mit 1440 Hektar überschwemmter Fläche von
einer Gesamtfläche von 1475 Hektar neben Astheim, Berkach, Geinsheim,
Kornsand und Ginsheim zu den meist betroffenen Gemeinden.
Schiffe mit
Baumaterial für Baracken legten am Rathaus an
Der Chronist Johann Theis, damals selbst aktiver Feuerwehrmann, schrieb:
„Ein höchst trauriger Anblick war es, als das ganze Vieh des Ortes in
34 noch nicht vom Wasser berührte Hofreiten gebracht werden musste. Die
Kirche und Schulsäle waren von Menschen vollgestopft. Hilfe musste auf
irgend eine Art geschaffen werden und es wurde, Gott sein Dank,
geholfen.“ Großherzog Ludwig IV. und sein Bruder Prinz Heinrich hätten
Leeheim besucht und einen Barackenbau angeordnet. Von Nierstein kommend hätten
Schiffe am Rathaus mit dem Baumaterial angelegt. Feuerwehrmänner hätten
Baracken für das Vieh und zur Erleichterung des Verkehrs Pritschen
aufgebaut. Von den obdachlosen Einwohnern hatten 170 in Griesheim und 50
Kinder in Wolfskehlen Unterkunft gefunden. Am 4. Januar 1883 habe das
Wasser seinen höchsten Stand erreicht. Die Niersteiner Schiffer seien am
10. Januar wieder zurückgekehrt.
Nicht nur Schreckliches ist vielen älteren Teilnehmern in Erinnerung
geblieben. Gern dachte der eine oder andere daran zurück, dass sie vor
der Inbetriebnahme des Riedsees im Sommer zum mit Sprungbrett und
Umkleidekabine versehenen Neujahrsloch pilgerten, um zu baden.
evs
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LEEHEIM. Als bundesweit
einmaliges Projekt plant der seit Jahren im Katastrophenschutz engagierte
Landesverband der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) eine
„Hessische Akademie für Hochwasserschutzmaßnahmen, Hochwasserforschung
und Wasserrettung“. Die Gründungsversammlung ist für Samstag (11.) in
Wiesbaden geplant.
DLRG will Fachwissen bündeln
und für alle nutzbar machen
Ordentliche Mitglieder der Akademie werden die Kreis- und Bezirksverbände
im Landesverband Hessen sein. Daneben sucht die DLRG Fördermitglieder.
Durch die Akademie wolle die DLRG das im Hochwasserschutz vorhandene, aber
auf viele Köpfe verteilte Fachwissen bündeln und für alle
Organisationen nutzbar machen, erläutert Hubert Carl, Referent für
Tauchwesen des DLRG-Landesverbandes. Zur Mitarbeit gewonnen werden sollen
auch Personen, die sich praktisch bei Hochwassereinsätzen oder in Lehr-
und Forschungstätigkeit bewährt haben und spezielles Wissen zum Thema
vermitteln könnten.
Zur Gründung dieser Akademie angeregt worden sei der DLRG-Landesverband
durch die Jahrhunderthochwasser an Elbe und Mulde. Während der
Hochwassereinsätze habe man festgestellt, dass bei den Beteiligten,
Helfern, Behörden und Privatpersonen zwar großes Fachwissen vorhanden
gewesen sei, aber jeweils nur in Teilbereichen, sagt Hubert Carl aus
Leeheim. Ein zweihundertjähriges Hochwasser im Rhein-Neckar-Raum würde
ungleich höhere Schäden nach sich ziehen, als im Bereich der Elbe oder
des Oder-Durchbruchs in den neunziger Jahren. Die Akademie werde daher Präventionsmaßnahmen
erarbeiten, sowohl für den öffentlichen, als auch den privaten Bereich.
Frühzeitige und umfassende Informationen über das Einsatzgebiet wären
bei den beiden jüngsten Hochwasserkatastrophen von Vorteil gewesen. Daher
ist laut Carl nun beabsichtigt, Ursachen und Verlauf von Hochwasserwellen
zu erforschen. Deren Kenntnis könnten einem möglichen Einsatz
entscheidende Impulse geben. Speziell ausgebildetes Fachpersonal sei dann
besser in der Lage zusammenzuarbeiten, weil sie die Aufgabenstellung der
anderen Helfer kennten.
390 Rettungstaucher in
Hessen, 30 im Kreis Groß-Gerau
Thema sei auch eine effektive Hilfeleistung bei Katastrophen oder Großschadensereignissen.
Die DLRG könne im Ernstfalle hessenweit auf 390 geprüfte Rettungstaucher
zurückgreifen, davon allein 30 im Bezirk Groß-Gerau. Eine Aufgabe der
Akademie und des zukünftigen Trägervereins sieht Carl auch darin, der
Gefahrenabwehr im Bereich der Wasserrettung einen höheren Stellenwert
einzuräumen. Beabsichtigt sei das Zusammenführen und Strukturieren von für
die Hochwasserbewältigung relevanten Informationen und
Forschungsergebnissen, die inhaltliche Vorbereitung von
Forschungsprojekten sowie Fachtagungen für Angehörige der
Hilfsorganisationen, des Technischen Hilfswerkes (THW) und der Bundeswehr.
evs
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LEEHEIM. Heiliger Abend, 16 Uhr. Die Kirchenglocken läuten, und
plötzlich ist Leben auf Leeheims Straßen. Bei frühlingshaften
Temperaturen kamen diesmal große und kleine Kinder an Mamas oder Papas
hand mit Heubündelchen aus den Häusern, um sie bei Paten,
Großeltern, Freunden und Verwandten an das Eingangstor zu hängen. Für
das Eselchen vom Christkind ist das heu bestimmt, erzählen die Kinder.
Unterstützt wird dieser alte Leeheimer brauch vom Heimat- und
Geschichtsverein (HGV). Weil es durch den Rückgang der Viehwirtschaft
kaum noch Heu in Leeheims Scheunen gibt, fertigen HGV- Mitglieder die
benötigten Heubündel und verteilen sie am Vormittag des Heiligen Abends
im Museumshof. Über 300 Bündel waren es diesmal, drei
Vorstandsmitglieder wirkten sechs Stunden daran.
Neben den Leeheimer Kindern machten auch solche aus der näheren Umgebung
von dem Angebot Gebrauch. So herrschte am Dienstagmorgen reges Treiben im
Museumshof. Während die Muttis zuhause dem Christkind beim Baumschmücken
und anderen Vorbereitungen behilflich waren, nahmen Kinder und Väter die
Heubündel im Museumshof entgegen. Für die Kleinen gab's zudem eine Tüte
mit Süßigkeiten extra. Die Großen nutzten die letzten Musestunden vor
dem Fest zu einem Schwätzchen und gönnten sich heißen, selbst gebrauten
Äbbelwoi. evs
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